Warum der „Risikofaktor“ APOE4 in Wahrheit ein evolutionärer Vorteil sein kann

Alzheimer wird heute oft als Alterskrankheit betrachtet, deren Risiko stark mit dem APOE4-Gen verknüpft sei. Wer diese Genvariante trägt, bekommt häufig den Ratschlag, möglichst fettarm, pflanzenbasiert und cholesterinarm zu essen. Ganz besonders sollen gesättigte Fette gemieden werden. Doch was, wenn diese Empfehlungen nicht nur falsch, sondern für APOE4-Träger sogar schädlich sind? Was wenn der Fokus der Falsche ist? Viele sind verunsichert, ob sie sich ketogen oder carnivore ernähren dürfen, wenn sie diese Genvariante tragen.

Also was ist dran und lasst uns das mal aufschlüsseln!
Ein Blick in die Evolutionsgeschichte zeigt: APOE4 ist kein Defekt, sondern ein urzeitliches Anpassungsmerkmal – optimiert für eine Ernährung, wie sie unsere Vorfahren über Millionen Jahre hatten: reich an Fleisch und tierischen Fetten, arm an Kohlenhydraten. Weltweit tragen mindestens 14% das Gen. Wenn ca. 14 % der Allele ε4 sind, bedeutet das: etwa eine von sieben Personen trägt mindestens eine Kopie dieses Allels (bei zwei Allelen je Person).
ApoE4 ist die Urform – also das älteste der Gene. Das heißt es war dominant in einer Zeit, in der wir uns „quasi“ carnivore ernährt haben. Wäre das ein Nachteil, hätte die Selektion hier eingegriffen. Auch eine Prävalenz von 14% in der heutigen Bevölkerung kann nur zwei Dinge bedeuten:

1) es hat keinen Effekt auf das Überleben

2) es hat einen Überlebensvorteil gebracht

Ein Blick in die Evolutionsgeschichte zeigt: APOE4 ist kein Defekt, sondern ein urzeitliches Anpassungsmerkmal – optimiert für eine Ernährung, wie sie unsere Vorfahren über Millionen Jahre hatten: reich an Fleisch und tierischen Fetten, arm an Kohlenhydraten.  

Was macht das APOE-Gen?

Das Apolipoprotein E (APOE) ist ein Protein, das Fett und Cholesterin im Blut transportiert und auch das Immunsystem unterstützt.
Es gibt drei Varianten (Allele): APOE2, APOE3 und APOE4.
Jeder Mensch erbt eine Kopie von jedem Elternteil, z. B. APOE3/3 oder APOE3/4.

  • APOE4 – älteste Form, seit 3–7 Mio. Jahren vorhanden, auch bei Schimpansen.
  • APOE3 – vor ca. 200.000 Jahren entstanden.
  • APOE2 – jüngste Variante, vor ca. 80.000 Jahren entstanden.

Evolutionärer Blick: Warum APOE4 der Ursprung ist

Vor der Erfindung der Landwirtschaft vor rund 10.000 Jahren waren Menschen Jäger und Sammler – mit klarer Dominanz tierischer Nahrungsmittel.
Während der Eiszeiten (bis vor ca. 12.000 Jahren) gab es in weiten Teilen der Erde kaum pflanzliche Kost. Ernährung bedeutete vor allem:

  • Fleisch
  • Tierisches Fett
  • Knochenmark
  • Saisonale Beeren oder Wurzeln, wenn überhaupt verfügbar

In dieser Umgebung war ein Gen, das Fett und Cholesterin besonders effizient verstoffwechselt, von enormem Vorteil – genau das leistet APOE4.

Selbst unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, besitzen ausschließlich APOE4. Auch sie beziehen einen Großteil ihrer Energie aus Fettsäuren, allerdings nicht aus Fleisch, sondern aus kurzkettigen Fettsäuren, die im Darm durch Fermentation von Pflanzenfasern entstehen – ein Prozess, der funktionell dem menschlichen Zustand der Ketose ähnelt.

Die Entstehung von APOE3 und APOE2 – Anpassung an Pflanzenkost

Mit der Ausbreitung des modernen Menschen und der wachsenden Abhängigkeit von pflanzlicher Nahrung entwickelten sich nach und nach APOE3 und später APOE2.
Diese Varianten könnten vor allem einen besseren Schutz vor Pflanzengiften geboten haben, als Menschen begannen, mehr Samen, Getreide und Hülsenfrüchte zu konsumieren.

APOE4 und heutige Missverständnisse

Heute gilt APOE4 als „Risikogen“ für Alzheimer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhte Cholesterinwerte. Doch entscheidend ist der Kontext:

  • Früher: APOE4-Träger aßen kohlenhydratarm, fett- und proteinreich, waren körperlich aktiv – keine erhöhten Raten an Alzheimer oder Herzinfarkt.
  • Heute: APOE4-Träger essen oft die Standard-Western-Diät – reich an Zucker, Getreide, Pflanzenölen, verarbeitetem Essen – und leben weitgehend bewegungsarm.

Das Problem ist also nicht APOE4 an sich, sondern die Diskrepanz zwischen Genetik und moderner Lebensweise.

Inuit, Hadza & Co. – lebende Beispiele

Die traditionellen Inuit in der Arktis ernährten sich fast ausschließlich von Robben- und Walrossfett, Fisch und Fleisch – und hatten kaum Herzkrankheiten oder Demenz, trotz hohem APOE4-Anteil. Erst mit Einführung westlicher Lebensmittel stiegen Krankheitsraten rapide an.
Ähnliche Beobachtungen gibt es bei afrikanischen Jägern und Sammlern wie den Hadza.

Warum APOE4 in moderner Ernährung problematisch wird

  1. Kohlenhydratüberschuss – führt zu Insulinresistenz, besonders im Gehirn („Typ-3-Diabetes“).
  2. Kombination aus Zucker + Fett – erzeugt Entzündungen und oxidativen Stress.
  3. Bewegungsmangel – verstärkt alle negativen Effekte.
  4. Industrielle Pflanzenöle – fördern chronische Entzündungen.

APOE4-gerechte Ernährung – zurück zu den Wurzeln

Für APOE4-Träger kann eine fettbetonte, kohlenhydratarme Ernährung die genetischen Stärken wieder aktivieren:

Empfohlen

  • Fleisch und Innereien aus Weidehaltung
  • Tierische Fette (Butter, Talg, Schmalz)
  • Fetter Fisch (Lachs, Makrele, Sardinen)
  • Eier
  • Knochenbrühe, Gelatine, Kollagen

Zu vermeiden

  • Zucker, Weißmehl, Getreide
  • Industrielle Pflanzenöle (Soja-, Raps-, Sonnenblumenöl)
  • Stark verarbeitete Fertigprodukte

Fazit – APOE4 ist kein Defekt, sondern eine Anpassung

APOE4 ist der Originalzustand des Menschen und über Millionen Jahre ein Erfolgsfaktor gewesen.
Das heutige Krankheitsrisiko entsteht nicht durch das Gen selbst, sondern durch eine Ernährung und Lebensweise, die im Widerspruch zu unserer genetischen Ausstattung steht.
Wer APOE4 trägt, sollte sich nicht vor Fett und Cholesterin fürchten – im Gegenteil: In einer kohlenhydratarmen, fettbasierten Ernährung kann APOE4 seine Vorteile für Gehirn, Herz und Stoffwechsel voll entfalten.

Quellen

Heffernan, Amy L., et al. „The neurobiology and age-related prevalence of the ε4 allele of apolipoprotein E in Alzheimer’s disease cohorts.“ Journal of Molecular Neuroscience 60.3 (2016): 316-324.

Raichlen, David A., and Gene E. Alexander. „Exercise, APOE genotype, and the evolution of the human lifespan.“ Trends in neurosciences 37.5 (2014): 247-255.

Norwitz, Nicholas G., et al. „Precision nutrition for Alzheimer’s prevention in ApoE4 carriers.“ Nutrients 13.4 (2021): 1362.

Abondio, Paolo, et al. „The genetic variability of APOE in different human populations and its implications for longevity.“ Genes 10.3 (2019): 222.

Gerdes, Lars Ulrik, et al. „The apolipoprotein E polymorphism in Greenland Inuit in its global perspective.“ Human Genetics 98.5 (1996): 546-550.

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