Ein häufiges Missverständnis

Wer nach einigen Wochen ketogener Ernährung seine Laborwerte überprüft, sieht oft ein gesunkenes freies T3 (fT3). Schnell taucht die Sorge auf, die Diät könne „die Schilddrüse kaputt­machen“. Tatsächlich zeigen mehrere Studien: fT3 fällt unter Keto* –- ohne dass TSH oder fT4 ansteigen oder klinische Unterfunktionen auftreten pmc.ncbi.nlm.nih.gov 

Was macht T3 überhaupt?

T3 ist das stoffwechsel­aktivste Schilddrüsenhormon. Es steigert u. a. Wärme­produktion, Herz­frequenz und Glukose­umsatz. In einer kohlenhydratarmen Situation wird viel weniger Glukose verbrannt; der Körper deckt seinen Energie­bedarf aus Fettsäuren und Ketonen. Es wäre also verschwendete Energie, das gleiche T3-Signal wie unter High-Carb aufrecht­zu­erhalten.

„Weniger“ kann „effizienter“ bedeuten

Verbesserte T3-Sensitivität

  • Tier- und Human­daten deuten darauf hin, dass geringe Insulin- und Glukose­spiegel die Zahl bzw. Affinität der T3-Rezeptoren erhöhen. Der gleiche Effekt erfordert dann weniger zirkulierendes Hormon.

Mitochondriale Feineinstellung

  • Ketone erhöhen den P/O-Quotienten (ATP pro Sauerstoff). Die Zelle braucht somit weniger thermogene Ankurbelung durch T3.
  • Der P/O-Quotient (auch P/O-Ratio genannt) gibt an, wie viele Moleküle ATP („P“ für Phosphat-Bindungen) bei der oxidativen Phosphorylierung pro verbrauchtem Sauerstoff-Atom („O“)* gebildet werden*. Er ist also ein Maß für die energetische Effizienz der Mitochondrien.

Deiodinase-Regulation

  • Das Enzym DIO2, das T4→T3 umwandelt, wird unter geringem Insulin/Leptin gehemmt. Ergebnis: Serum-T3 sinkt, intrazelluläres T3 bleibt weitgehend konstant.

Dieses Phänomen ähnelt der „Low-T3-Adaptation“ beim Fasten, gilt hier aber als funktionelle Anpassung an eine neue Brennstoff­lage – nicht als pathologische Hypothyreose.

Verbindung zur ketogenen Ernährung

Ketonkörper (insbesondere β-Hydroxy­butyrat) liefern bei ihrer Oxidation etwas mehr NADH relativ zu FADH₂ als beispielsweise Glukose oder palmitische Säure. Dadurch verschiebt sich das Verhältnis zugunsten des „teureren“ (höheren P/O) NADH-Weges. Ergebnis:

  1. Mehr ATP pro O₂-Molekül
  2. Weniger Abwärme (geringere Thermogenese-Notwendigkeit)
  3. Geringerer fT3-Bedarf, weil T3 unter anderem die Wärmeproduktion ankurbelt – und die wird durch den besseren P/O-Quotienten teilweise überflüssig.

Warum ist das relevant?

  • Sport & Leistungs­fähigkeit: Ein höherer P/O bedeutet, dass bei begrenzter Sauerstoff­versorgung (z. B. hochintensives Intervalltraining) mehr Arbeit pro Liter O₂ möglich ist.
  • Erkrankungen mit Sauerstoff-Stress (z. B. COPD, Herzinsuffizienz): Ein effizienterer Stoffwechsel kann die zelluläre Energie­sicherheit erhöhen.
  • Langlebigkeits­forschung: Weniger „Leckstrom“ in der Atmungskette → potenziell weniger ROS-Bildung.

Der P/O-Quotient beschreibt die ATP-Ausbeute pro Sauerstoff-Atom in der Atmungs­kette. Bei Ketose steigt er leicht an, was erklärt, warum der Körper mit weniger fT3 dieselbe oder sogar eine höhere Energie­ausbeute erzielen kann – ein Zeichen für metabolische Effizienz, nicht für eine träge Schilddrüse.

Was sagt die Forschung?

SettingDauerErgebnis
Randomisierte Cross-over-Studie (KD vs. High-Carb, normal­gewichtige Erwachsene) pmc.ncbi.nlm.nih.gov4 Wochen pro PhasefT3 –12 %, TSH & RMR unverändert
Cycling-Studie, eucalorisch pmc.ncbi.nlm.nih.gov2 WochenfT3 ↓, Autoren interpretieren es als Glykogen-Sparmechanismus
Virta-Analyse (obese men) virtahealth.com6+6 WochenfT3: 4.2 → 3.5 pmol/L nach Keto, keine Symptome
Epilepsie-Kinder ≥ 1 Jahr KD PubMedLangzeitT3 ↓, Wachstum & TSH normal

Alle Arbeiten berichten Werte innerhalb des Referenz­bereichs und keine Zunahme typischer Hypothyreose-Beschwerden.

Schilddrüsenglück
Jod, Selen, L-Tyrosin & Astaxanthin

Entwickelt in Zusammenarbeit mit Kyra Kauffmann

Ben Bikmans Perspektive

Der Stoffwechsel­forscher Dr. Ben Bikman betont regelmäßig, dass „low T3“ im Low-Carb-Umfeld eher ein Zeichen für höhere hormonelle Effizienz sei. Er sieht darin dasselbe Prinzip wie bei sinkendem Insulin, wenn die Insulin­sensitivität steigt. YouTubeYouTube

6. Wann sollte man dennoch aufpassen?

  1. Symptom-Check – Frieren, Haarausfall, Bradykardie, Verstopfung? Dann weiter untersuchen.

  2. Kompletter Schilddrüsen-Panel – fT3, fT4, TSH, und rT3 sowie Antikörper.

  3. Kalorien & Mikronährstoffe – anhaltendes Kaloriendefizit, Jod-, Selen- oder Zinkmangel können echte Schilddrüsen­probleme triggern.

  4. Wechselwirkungen – wer bereits Thyroxin einnimmt, sollte Dosierungen nicht eigenmächtig ändern.

  5. Proteinmangel - eine zu geringe Proteinaufnahme führt ebenfalls zu vielen Symptomen, die mit einer Schilddrüsenunterfunktion inZusammenhang gebracht werden.

7. Praktische Tipps

  • Genug essen: Dauerhaft < 1600 kcal kann T3 unabhängig von Keto drücken.

  • Protein & Mineralien: 1.2 – 1.6 g Protein/kg-KG, plus Meersalz oder Algensnacks (Jod), Nüsse (Selen), Innereien (Zink).

  • Blutwerte im Kontext lesen: Isoliertes fT3 ↓ bei stabilem TSH + gutem Wohlbefinden = meist ok.

  • Ärztlich begleiten lassen: besonders bei vorbestehenden Autoimmun-Erkrankungen der Schilddrüse.

8. Fazit

Ein reduzierter fT3-Spiegel unter ketogener Ernährung ist kein Automatismus für Schilddrüsen­schäden. In den meisten Fällen spiegelt er lediglich wider, dass der Stoffwechsel mit weniger Glukose auskommt und die Zellen sensitiver auf T3 reagieren. Oder, wie Ben Bikman es formuliert: „Mehr Wirkung mit weniger Signal“. Entscheidend ist das Gesamtbild aus Labor, Symptomen und Ernährungs­zustand – nicht eine einzelne Zahl auf dem Befund.


Jod: Das Standardwerk zum vergessenen Heilmittel – aktualisiert und mit 50 jodreichen Rezepten

von Kyra Kauffmann

Bildquellen:

  • SchilddruesenGlueck-1000×1000: NatuGena
  • Was ist, wenn trotz der jahrelangen Einnahme von natürlichen Schilddrüsenhormonen unter carnivorer Diät auf einmal fT3 und fT4 zu niedrig sind bei unterdrücktem TSH (fast 0), aber rT3 (reverses T3) sehr angestiegen ist? Die T3 Rezeptoren im Körper sind blockiert durch inaktives rT3, dadurch antriebsschwach, depressiv, träge nach vier Monaten relativ striktes carnivore (max. 10 g Carbs am Tag). Arzt macht Ketose dafür verantwortlich, sagt, mein Körper sei auf Sparflamme gegangen, spart Energie, weil Gluconeogenese für die Leber so anstrengend ist und T4 nicht mehr konvertieren kann bzw. nur in inaktives rT3.
    Doch wieder mehr Carbs? Oder mehr Schilddrüsenhormone (reines T3), um die Rezeptorblockade aufzulösen? Kaum ein Arzt scheint sich auszukennen, ich suche jetzt selbst nach einer Lösung.

    • Das ist so ganz ohne ausführliche Anamnese sehr schwer zu beurteilen. Tut mir leid, dass ich dir da keine befriedigende Antwwort so schnell geben kann. Das müssten wir uns wirklich einen Termin ausmachen.

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