Seit Jahren messen Menschen, die sich ketogen ernähren oder regelmäßig fasten, ihre Ketonkörper im Blut, Urin oder Atem. Diese Werte liefern wertvolle Hinweise darauf, wie stark der Körper Fett als Energiequelle nutzt. Doch so nützlich diese Messungen sind – sie zeigen nur einen Teil des Bildes. Denn letztlich entscheidet nicht der Ketonwert im Blut darüber, wie viel Energie den Zellen tatsächlich zur Verfügung steht, sondern die Konzentration der Ketonkörper im Gewebe.
Genau hier beginnt eine technologische Revolution: Die Messung der Ketone direkt im interstitiellen Gewebe.
Warum die Gewebemessung so wichtig ist
Das interstitielle Gewebe ist der Raum zwischen den Zellen, in dem der Austausch von Nährstoffen, Sauerstoff und Stoffwechselprodukten stattfindet. Hier entscheidet sich, wie viel Energie tatsächlich in der Zelle ankommt. Ketonkörper wie β-Hydroxybutyrat (BHB) und Acetoacetat müssen erst vom Blut ins Gewebe gelangen – über spezielle Transporter, sogenannte Monocarboxylat-Transporter (MCT1–4).
Die Konzentration im Blut kann daher von der tatsächlichen Verfügbarkeit im Gewebe abweichen. Stress, Durchblutung, Muskelaktivität oder Training beeinflussen diesen Transport. Genau deshalb liefert die Gewebemessung ein direkteres Bild darüber, wie der Stoffwechsel im Alltag wirklich funktioniert.

Copyright: Mag. Julia Tulipan
Von der Punktmessung zur kontinuierlichen Beobachtung
Mit der Einführung neuer Biosensoren – allen voran durch die Firma SiBio – ist es erstmals möglich, Ketone kontinuierlich im Gewebe zu messen. Das System CKM (Continuous Ketone Monitoring) funktioniert ähnlich wie moderne Glukosesensoren (CGM). Ein kleiner Sensor wird unter die Haut gesetzt und misst rund um die Uhr die Konzentration von BHB im interstitiellen Fluid.
Die zugrunde liegende Technologie basiert auf einer enzymatischen Elektrodenmessung. Dabei wird β-Hydroxybutyrat mithilfe des Enzyms β-Hydroxybutyrat-Dehydrogenase (β-HBDH) in ein elektrisches Signal umgewandelt, das proportional zur Ketonkonzentration ist. Die Daten werden in Echtzeit an eine App übertragen – und damit sichtbar, wann Ketone steigen oder fallen.

Was zeigen die bisherigen Studien?
In Humanstudien mit einem kontinuierlichen Ketonsensor („Feasibility of Continuous Ketone Monitoring in Subcutaneous Tissue Using a Ketone Sensor“, Alva et al., 2021) wurde die Genauigkeit und Stabilität eines solchen Systems getestet.
Die Ergebnisse:
- Über 14 Tage funktionierte der Sensor stabil.
- 82,4 % der Werte lagen innerhalb von ± 0,225 mmol/l (20 %) gegenüber der Referenzmessung im Blut.
- Die Korrelation zwischen Blut und Gewebe lag bei r > 0,9 – also sehr hoch.
Die Forscher beobachteten jedoch auch eine zeitliche Verzögerung von etwa 5–15 Minuten zwischen Blut- und Gewebewert, was physiologisch erklärbar ist: Ketone müssen erst vom Blut ins Gewebe diffundieren, bevor sie dort messbar ansteigen.
Blut ist nicht gleich Gewebe – warum die Werte unterschiedlich sind
Ein wichtiger Punkt, der bei der Interpretation von Gewebeketonwerten zu beachten ist: Die Konzentrationen im Blut und im Gewebe sind nicht identisch. In allen bisherigen Studien zeigt sich, dass die Ketonwerte im Blut tendenziell höher liegen als jene im interstitiellen Gewebe.
Das liegt an der physiologischen Dynamik des Stoffaustauschs. Ketonkörper werden in der Leber gebildet und gelangen zunächst in den Blutkreislauf. Erst über Diffusion und aktive Transportmechanismen – vermittelt durch Monocarboxylat-Transporter (MCT1–4) – erreichen sie das Gewebe. Dieser Transport benötigt Zeit, wodurch ein Gradient zwischen Blut und Gewebe entsteht.
In Ruhe beträgt die Differenz meist 0,1 bis 0,3 mmol/l, kann aber bei schnellen Veränderungen – etwa nach einer Mahlzeit, beim Sport oder nach exogener Ketonzufuhr – deutlich größer sein. Das bedeutet: Wenn das Blut z. B. 1,2 mmol/l anzeigt, kann der Gewebewert gleichzeitig bei etwa 0,9 mmol/l liegen.
Diese Unterschiede sind kein Messfehler, sondern spiegeln reale Prozesse wider: Während das Blut kurzfristige Schwankungen zeigt, repräsentieren die Gewebewerte die effektive Verfügbarkeit für die Zellen – also jenen Wert, der letztlich für Energieversorgung und zelluläre Nutzung relevant ist. Genau diese Perspektive macht die Gewebemessung so spannend: Sie zeigt nicht nur, ob man „in Ketose“ ist, sondern wie stark der Körper die Ketone tatsächlich im Zellstoffwechsel einsetzt.
Die Zukunft: Multi-Parameter-Sensoren
Mit diesen Geräten rückt die Vision eines umfassenden Stoffwechsel-Monitorings in greifbare Nähe. In einem einzigen Sensor könnten künftig Glukose, Ketone und Laktat gemessen werden – also alle drei zentralen Energie-Substrate des Körpers.
Damit wäre es möglich, den metabolischen Zustand in Echtzeit zu beobachten und präzise zu sehen, wann der Körper zwischen Glukose- und Fettverbrennung umschaltet.
Für Sportler:innen, Therapeut:innen, Forscher:innen – und jeden, der seine metabolische Gesundheit optimieren möchte – ist das ein Meilenstein.
Welche Geräte gibt es aktuell?
Zurzeit gibt es nur einen einzigen Hersteller von CKM Geräten – SiBio.
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Fazit
Die Messung von Ketonen im Gewebe markiert den Beginn einer neuen Ära. Statt punktuell zu raten, ob man „in Ketose“ ist, kann man den tatsächlichen Energiefluss im Körper sichtbar machen. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten: von personalisierter Ernährungssteuerung über Trainingsoptimierung bis hin zur therapeutischen Begleitung bei Stoffwechselerkrankungen oder neurodegenerativen Prozessen.
Wir stehen am Anfang – aber der Blick in das Gewebe zeigt: Die Zukunft der Ketose-Messung ist kontinuierlich, intelligent und personalisiert.
Quellen
Alva S. et al. (2021): Feasibility of Continuous Ketone Monitoring in Subcutaneous Tissue Using a Ketone Sensor. ResearchGate. https://www.researchgate.net/publication/350770621
Kong M. et al. (2024): Continuous Ketone Monitoring: Exciting Implications for Physiology and Medicine. Frontiers in Nutrition. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11646480/
Del Caño-Ochoa, Saha, Moonla et al. (2023): Wearable and Mobile Sensors Detect Ketone Bodies for Personalized Medicine and Nutrition. University of Córdoba. https://www.researchgate.net/publication/367135448_Ketone_bodies_detection_Wearable_and_mobile_sensors_for_personalized_medicine_and_nutrition
SiBio AG (2025): SiBio KS3 Continuous Ketone Monitoring System. https://www.sibiosensor.com
Bildquellen:
- BHB von Blut in die Zelle – Gemini_Generated_Image_bdmw9fbdmw9fbdmw: (c) Julia Tulipan
- IMG_7176: Julia Tulipan


Hallo Frau Tulipan, folgende Frage! Ich ernähre mich seit November ketogen. Vor 2 Wochen hatte ich mir den Sibio3 gegönnt und war schockiert, wie wenig ich in der Ketose bin! Bin zwar nie unter 0.1, aber von 24 Stunden vielleicht 10 % über 0,9, 30% über 0,4 den Rest immer 0,2-0.3.
Nachts immer zwischen 0,1 und 0,3 !
Mein KH Anteil liegt bei 20 Gramm!
Liegt es an d Unterschied zwischen Gewebe und Blut?
Würde mich über eine Antwort freuen!
Schönen Sonntag noch !
Beste Grüße Maureen
Ja genau – das ist einfach der Unterschied zwischen Gewebe und Blut. Das ist schon super, wenn du immer zwischen 0,3 und 0,9 liegst! Wichtig ist ja – warum du überhaupt Keto machst