Entzündungsprozesse, Schäden an der Gefäßwand und dadurch erhöhte Blutgerinnung – treibende Kräfte bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Thrombogenic Hypothesis stellt eine spannende und alternative Perspektive zur herkömmlichen Lipid-Hypothese dar, die die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erklärt. Während die Lipid-Hypothese die Ansammlung von Cholesterin und Fetten als primären Treiber der Plaquebildung ansieht, stellt die Thrombogenic Hypothesis die Rolle der Blutgerinnung und der Thrombenbildung in den Vordergrund. Dieser Ansatz hat weitreichende Implikationen für das Verständnis und die Prävention von Atherosklerose und Herzkrankheiten.

Kendrick, Malcolm. „Assessing cardiovascular disease: looking beyond cholesterol.“ Current Opinion in Endocrinology, Diabetes and Obesity 29.5 (2022): 427-433.

Was besagt die Thrombogenic Hypothesis?

Die Thrombogenic Hypothesis postuliert, dass die Bildung von Thromben – also Blutgerinnseln – der entscheidende Faktor für die Entstehung und das Fortschreiten von Atherosklerose ist. Im Gegensatz zur Lipid-Hypothese, die davon ausgeht, dass sich Fett und LDL-Cholesterin in den Gefäßwänden ablagern und Plaques bilden, argumentiert die Thrombogenic Hypothesis, dass die wiederholte Bildung von Blutgerinnseln in den Arterien zur Entwicklung von Plaques führt.

Die Rolle der Glykokalyx in der Blutgerinnung und Atherosklerose

Die Glykokalyx ist eine dünne, gelartige Schicht aus Proteinen und Kohlenhydraten, die die Innenseite der Blutgefäße auskleidet und eine schützende Barriere zwischen dem Blutstrom und den Endothelzellen bildet. Diese Struktur spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung der Gefäßintegrität und der Regulation von Prozessen wie der Blutgerinnung und der Entzündungsreaktion.

Schäden an der Glykokalyx können durch Faktoren wie hohen Blutdruck, oxidativen Stress, schlechte Ernährung und chronische Entzündungen verursacht werden. Wenn die Glykokalyx geschädigt ist, wird die Schutzbarriere geschwächt, was zu einer erhöhten Durchlässigkeit der Gefäßwand führt. Dies erleichtert es Blutgerinnungsfaktoren, in Kontakt mit den Endothelzellen zu kommen und die Thrombusbildung zu fördern. In der Thrombogenic Hypothesis spielt dieser Prozess eine zentrale Rolle, da die geschwächte Glykokalyx zur Aktivierung der Gerinnungskaskade beiträgt und somit die Bildung von Thromben begünstigt, die sich in die Gefäßwand integrieren und zur Entstehung von atherosklerotischen Plaques führen können.

Die Glykokalyx wirkt also als erste Verteidigungslinie gegen endotheliale Schäden und Thrombogenese. Ihre Erhaltung ist daher entscheidend, um die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verhindern und die Endothelfunktion zu unterstützen.

Warum LDL und Cholesterin laut der Thrombogenic Hypothesis keine Rolle spielen

Ein zentraler Punkt dieser Hypothese ist, dass LDL-Cholesterin und andere Lipide keinen primären Einfluss auf die Plaquebildung haben. Der Beweis dafür liegt in der Tatsache, dass sich atherosklerotische Plaques fast ausschließlich in Arterien und nicht in Venen bilden. Wenn LDL der Hauptfaktor wäre, müsste es in beiden Gefäßtypen zu Ablagerungen kommen, da die LDL-Konzentration im Blut sowohl in den Arterien als auch in den Venen gleich ist.

Mechanismen der Thrombogenese

  1. Endothelschädigung: Kleine Verletzungen oder Schäden am Endothel der Arterienwand können durch hohen Blutdruck, mechanischen Stress oder Entzündungen entstehen.
  2. Thrombusbildung: Diese Schädigungen aktivieren das Gerinnungssystem, wodurch sich Thromben an der betroffenen Stelle bilden.
  3. Wiederholte Thrombose: Die wiederholte Bildung von Thromben kann zur Anhäufung von Material in der Gefäßwand führen, was zu einer Verengung der Arterie führt.
  4. Entzündliche Prozesse: Die Einlagerung von Thromben kann eine Entzündungsreaktion auslösen, die zur weiteren Stabilisierung oder Instabilisierung der Plaques beiträgt.

Warum entstehen Plaques nur in Arterien?

Die Thrombogenic Hypothesis erklärt auch, warum atherosklerotische Plaques nur in Arterien und nicht in Venen entstehen:

  • Hoher Druck und Scherkräfte: Arterien sind hohen mechanischen Belastungen ausgesetzt, was zu Endothelschäden und einer höheren Thrombogenese führt.
  • Turbulenter Blutfluss: In Arterien gibt es häufiger Stellen mit turbulentem Blutfluss, der die Gerinnung aktiviert und Mikroverletzungen verursacht.
  • Niedriger Druck in Venen: In Venen herrscht ein gleichmäßigerer und niedrigerer Druck, der die Bildung von Thromben weniger wahrscheinlich macht, was erklärt, warum sie keine Plaques entwickeln.

Die Rolle von Lipoprotein(a) (Lp(a)) in der Blutgerinnung

Lipoprotein(a), auch bekannt als Lp(a), ist ein weniger bekanntes, aber potenziell entscheidendes Element in der Diskussion über die Thrombogenic Hypothesis. Lp(a) ist eine Variante des LDL, die zusätzlich das Apolipoprotein(a) enthält. Studien haben gezeigt, dass erhöhte Lp(a)-Spiegel mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert sind, und zwar aufgrund seiner einzigartigen Rolle in der Blutgerinnung:

  • Pro-thrombotische Eigenschaften: Lp(a) kann die Blutgerinnung fördern, indem es mit Plasminogen, einem wichtigen Faktor im Abbau von Blutgerinnseln, konkurriert. Dadurch wird die fibrinolytische Aktivität gehemmt, was bedeutet, dass Thromben langsamer abgebaut werden.
  • Verstärkung der Endothelschädigung: Lp(a) kann die Endothelzellen zusätzlich schädigen und entzündliche Reaktionen hervorrufen, was die Thrombogenese begünstigt und die Bildung atherosklerotischer Plaques unterstützt.
  • Oxidative Effekte: Lp(a) trägt oxidierte Phospholipide, die entzündungsfördernd wirken und die Gefäßwand anfälliger für Schäden machen.

Durch seine Eigenschaften trägt Lp(a) dazu bei, die Thrombogenic Hypothesis zu untermauern, indem es eine direkte Verbindung zwischen Thrombenbildung und der Entstehung von Plaques aufzeigt, unabhängig von der Rolle von LDL-Cholesterin.

Eine Alternative zur traditionellen Lipid-Hypothese

Die Thrombogenic Hypothesis widerspricht der Idee, dass LDL-Cholesterin die treibende Kraft hinter Atherosklerose ist. Stattdessen legt sie nahe, dass die Gerinnung und der mechanische Stress in Arterien die Hauptursachen sind. Diese Sichtweise könnte bedeuten, dass Präventionsstrategien mehr Fokus auf die Kontrolle der Gerinnung, einschließlich der Reduzierung von Lp(a)-Spiegeln, und die Verbesserung der Endothelfunktion legen sollten, anstatt sich ausschließlich auf die Senkung des Cholesterinspiegels zu konzentrieren.

Fazit

Die Thrombogenic Hypothesis bietet eine alternative Erklärung für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, indem sie die Rolle der Blutgerinnung und speziell die von Lp(a) in den Mittelpunkt stellt. Sie unterstreicht, dass das Verständnis der mechanischen Belastungen, der Thrombusbildung und der Rolle von Lp(a) in den Arterien entscheidend ist, um effektive Präventions- und Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Buchempfehlung: The Clot Thickens: The enduring mystery of heart disease von  Dr Malcolm Kendrick

  • Vielen Dank für diesen tollen Artikel! Als Hyper Lean Mass Responder sind solche fundierten Erklärungen einfach von Modellen von hohem persönlichen Wert! Die Forschung ist noch am Anfang und die alten Modelle (noch in vielen Köpfen von Medizinern) erschweren einem den ketogenen Lebensstil, der so viele persönliche Vorteile gibt.
    Ich bin an einem Punkt, dass ich vieles reflektiere und vor allem auf meinen Körper höre. Vielen Dank!

  • Liebe Julia,
    du präsentierst hier einen sehr interessanten Ansatz. Welche Alternativen gibt es um den LP(a)-Spiegel gibt es zu senken. Lt Schulmedizin ist es ein Wert, der während des gesamten Lebens relativ konstant bleibt. Um den Patienten zu schützen, verschreiben Ärzte Statine.
    Was können Betroffene versuchen?
    Besten Dank für deine informativen Artikel.

  • {"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
    >